Interview zum Abschied – Front 242: Die Pioniere der Electronic Body Music im Gespräch

Interview zum Abschied – Front 242: Die Pioniere der Electronic Body Music im Gespräch

Sie gelten als Architekten eines ganzen Genres: Front 242 aus Brüssel prägten seit ihrer Gründung 1981 den Sound der Electronic Body Music – jene kompromisslose Verbindung aus maschineller Präzision, treibenden Beats und einer bis heute unverwechselbaren Bühnenpräsenz. Mit Hymnen wie "Headhunter", "Welcome to Paradise" oder "Body to Body" beeinflussten Patrick Codenys, Jean-Luc De Meyer, Daniel Bressanutti und Richard 23 (Richard Jonckheere) Generationen von Musikern weit über die Industrial- und Electro-Szene hinaus. Genauso prägend wie ihr Sound war ihr Bühnenbild: Tarnnetze, kugelsichere Westen und Schweißerbrillen machten sie schon in den 80ern zu einer der optisch radikalsten Bands ihrer Zeit.

Nach über vier Jahrzehnten zogen Front 242 einen emotionalen Schlussstrich: Mit der Tour "Black Out: The Final Shows" verabschiedete sich die Band zwischen Sommer 2024 und Januar 2025 von ihrem Publikum – der krönende Abschluss waren drei ausverkaufte Abende im Brüsseler Ancienne Belgique, deren letzter weltweit gestreamt wurde. Im Juni 2026 erschien nun mit "Black Out" das offizielle Live-Album dieser letzten Konzerte – ein Vermächtnis, das die gesamte Bandbreite ihres Schaffens einfängt, von frühen rohen Tracks bis zu den großen Club-Hymnen.

Foto: Jean -Luc de Meyer (Sänger Front242)

Zeit, mit der Band über vier Jahrzehnte Bühnenleben, Optik, Abschied und musikalisches Erbe zu sprechen.

Markus Hofmann: Mit „No Comment“ kam 1984 der paramilitärische Look – Tarnnetze, kugelsichere Westen, Schweißerbrillen. Wie kam es zu dieser Ästhetik, und wessen Idee war sie?

Richard 23: Da sich unser musikalisches Genre noch nicht etabliert hatte, mussten wir Eindruck machen und uns von der Musikszene abheben. Mitten im Kalten Krieg herrschte 1984 eine angespannte Atmosphäre mit ständigen geopolitischen Bedrohungen. (Genau wie heute.) „No Comment“ enthält dementsprechend recht viele militärische Samples.

Wir hatten nicht viel Geld, und die Bandmitglieder trugen ohnehin schon Kleidung aus US-Militärbeständen. Um uns von den glamourösen Bühnenoutfits abzugrenzen, nahmen wir diesen paramilitärischen, sportlichen und martialischen Look an (was ihr für kugelsichere Westen haltet, ist eigentlich Baseball-Schutzausrüstung).

So konnten sich auch unsere Fans leicht mit der Band identifizieren, indem sie ähnliche, preiswerte Outfits trugen. Die Elektromusik hatte ein steifes Image, bei dem sich die Musiker nicht bewegten. Wir dachten, wir müssten dieses Image aufrütteln und etwas Physisches und Bedrohliches einbringen, das die Nachrichten des Tages widerspiegelt. Ein Abschied von den Rock-Klischees.

MH: Die Bildsprache wurde vielfach fälschlich als faschistisch missverstanden, obwohl ihr sie als künstlerisches Spiel mit Symbolen verstanden habt. Wie seid ihr damals mit diesen Vorwürfen umgegangen – und stört es euch rückblickend noch?

R23: Als große Magazine uns als Faschisten bezeichneten, mussten wir zu rechtlichen Schritten und dem Recht auf Gegendarstellung greifen. Abgesehen davon nahm das Publikum diese Darstellung der Band nicht ab. Keiner unserer Songtexte enthält eine faschistische, rassistische oder fremdenfeindliche Ideologie. Das Problem kam ausschließlich von der Presse. Was die Presse vor allem störte, war dieser Propagandamechanismus – mit Slogans, Symbolen und provokanten Phrasen –, der nicht in die Kriterien der Plattenindustrie passte, in deren Sold die meisten Journalisten standen.

MH: 1987 wart ihr die Vorband von Depeche Mode auf der „Music for the Masses“-Tour – ein ganz anderes Publikum als in den Clubs, in denen ihr zuvor gespielt hattet. Wie habt ihr euch auf einer viel größeren Bühne präsentiert, sowohl visuell als auch in der Performance?

R23: Anfangs waren wir bei Depeche Mode quasi zwischen Bühnenrand und Vorhang eingeklemmt. Wir hatten unsere Outfits, ein paar Stangen mit Bannern und einen Teil unserer Lichttechnik. Nach ein paar Shows merkte Depeche Mode, dass wir das Publikum wirklich mitrissen, und gaben uns mehr Platz und Equipment. Wir wurden persönliche Freunde.Diese Tour hat uns auch auf professioneller Ebene viel gelehrt.

MH: In den 90ern wurde euer Look, den meisten Berichten zufolge, „normaler“, und in den letzten Jahren wurde er wieder militärisch, mit Masken für die Eröffnungstracks. Was hat diese Rückkehr ausgelöst?

R23:Wir sind „normaler“ geworden, da die elektronische Musik und ihr Publikum gewachsen und vielfältiger geworden sind, aber wir haben uns nie von unseren ursprünglichen Beweggründen oder unserem Stil entfernt. Die Rückkehr zu den Uniformen ergab sich ganz natürlich, da unsere Konzert-Setlists fast ausschließlich aus Songs der 80er- und frühen 90er-Jahre bestanden – von „Geography“ bis „Tyranny 4 You“ –, also aus der Ära der militärisch angehauchten Sportbekleidung.

MH: 2021 habt ihr Bühnenoutfits für eine Auktion gespendet, die arbeitslos gewordene Crew-Mitglieder unterstützte, darunter Patrick Codenys' Bühnenbrille. Wie schwer fiel es euch, euch von solchen Stücken zu trennen?

R23: Nein, denn wir haben alle möglichen Gegenstände, Kleidungsstücke usw. Ich zum Beispiel habe wohl an die dreißig Paar ausgefallene Brillen, darunter ein Paar, das ich später bei Lady Gaga gesehen habe ; )

MH: Ihr habt gesagt, ihr wolltet aufhören, „solange wir noch lebendig und voller Energie sind“. Was war der Moment, in dem ihr wusstet, dass es der richtige Zeitpunkt war?

R23: Unser Sänger musste sich einer Herzoperation unterziehen, blieb auf der Bühne aber unglaublich energiegeladen. Trotzdem war das das erste Anzeichen. Außerdem haben wir unser Tun immer kritisch betrachtet; ich glaube aufrichtig, dass die letzten Konzerte 2024–2025 das Beste waren, was wir zu bieten hatten – der perfekte Zeitpunkt, um sich zu verabschieden.

MH: Auf der Abschiedstour habt ihr Termine in Europa, den USA und Mexiko gespielt. Gab es eine Show, die sich visuell oder atmosphärisch von den anderen abhob?

R23: Nein, ich glaube, die Band hat jedes Mal alles gegeben und bei jedem Konzert genauso viel vom Publikum zurückbekommen.

MH: Die letzten Shows fanden in Brüssel statt, wo alles begann. Wie wichtig war es euch, dort den Kreis zu schließen?

R23: Ja, ich erinnere mich noch an Front 242s erstes richtiges Konzert in Brüssel, als Jean-Luc und ich wie verrückt herumgesprungen sind, als wir den Namen Front 242 auf einem Plakat sahen. Seitdem haben wir eine Halle mit 2.000 Plätzen in unserer Stadt dreimal ausverkauft. Es war naheliegend, die Tour dort zu beenden – das Publikum kam ohnehin von überall her, da Brüssel als leicht erreichbares Drehkreuz im Herzen Europas liegt.

MH: Gab es bei der letzten Show einen Moment, der euch persönlich überrascht oder bewegt hat?

R23: Ja, natürlich, während des gesamten Konzerts, aber besonders beim Song „Operating Tracks“, als das Publikum eine Melodie mitzusingen begann, die in der Live-Version, aber nicht auf dem Album enthalten war – und das mehrere Minuten lang durchhielt. Diesen Moment haben wir auf unserem neuesten Livealbum „Black Out“ festgehalten.

MH: Was macht die Aufnahmen auf eurem neuen Livealbum „Black Out“ im Vergleich zu früheren Livealben wie „Live Code“ oder „Re-Boot“ besonders?

R23: Es hat fast ein Jahr gedauert, um sicherzustellen, dass wir ein qualitativ hochwertiges Vermächtnis hinterlassen. Die Tracks wurden von den Bandmitgliedern und dem Team im Studio von David Baboulis (einem Freund der Band, Sold Out), der uns gut kennt, im Detail geprüft, um eine kritische Perspektive zu bekommen. Die Arbeit wurde mit großer Sorgfalt durchgeführt und bietet erstklassiges Mastering.Dieses Album verbindet das Gefühl eines „Best Of“ mit einer Live-Atmosphäre.

MH: Wenn man eure Bühnenpräsenz von 1984 mit der von 2025 vergleicht – was ist gleich geblieben, und was hat sich völlig verändert?

R23: Die Live-Produktion wurde völlig neu gedacht. Die Songs weisen neue Strukturen und Sequenzen sowie kraftvolle Subbass-Frequenzen auf, was die Weiterentwicklung der Beschallungssysteme in den Venues widerspiegelt.Unser Schlagzeuger spielt die Rhythmusparts mit den authentischen Original-Sounds und -Samples. Die Projektionen haben eine filmische Qualität angenommen, wobei die Band in Landschaften oder brutalistische Architektur eingebettet wird. Kurz gesagt: eine Rückkehr zu Front 242s ursprünglichen klanglichen und visuellen Wurzeln, mit moderner, dezenter Technik.

MH: Wenn ihr dem jungen Front 242 von 1981 einen einzigen Satz mit auf den Weg geben könntet – wie würde er lauten?

R23: Bewahrt euch eine menschliche Note in eurem Schaffen und ein ethisches Bewusstsein auf eurem gesamten Weg.

MH: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen euch alles Gute für die Zukunft.

Interview: Markus Hofmann I Fotos: Markus Hofmann I VÖ: Tabula Rasa Magazin

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