Peenemünde: Die Wiege der Vergeltungswaffen

Peenemünde: Die Wiege der Vergeltungswaffen

Ein Besuch in Peenemünde beginnt mit einer Täuschung. Die Landschaft an der Ostseeküste Usedoms ist von einer stillen Schönheit – Kiefernwälder, weite Himmel, das Rauschen der See. Doch wer das ehemalige Kraftwerksgelände betritt, in dem heute das Historisch-Technische Museum untergebracht ist, spürt schnell, dass dieser Ort zwei Geschichten in sich trägt: die einer technischen Pioniertat und die eines Verbrechens. Zwischen den backsteinernen Werkshallen, den Startrampen und den Resten der einstigen Bahnanlagen liegt ein Kapitel deutscher Geschichte, das lange als reine Ingenieursleistung erzählt wurde – und erst spät um die Perspektive der Opfer ergänzt wurde.

Bei unserem Rundgang durch das Museumsgelände wechseln sich die Eindrücke ständig: Auf der einen Seite die imposante Technik – Nachbauten der A4-Rakete, die später als „V2“ berühmt-berüchtigt wurde, Ausstellungsstücke zur Strömungslehre und Antriebstechnik, die noch heute technikhistorisch beeindrucken. Auf der anderen Seite die stillen Hinweise auf das, was diese Technik möglich gemacht hat: Fotografien ausgemergelter Gesichter, Berichte von Zwangsarbeitern, die Lage der ehemaligen Lager im Wald, nur wenige hundert Meter von den komfortablen Wohnsiedlungen der Wissenschaftler entfernt. Es sind bedrückende Eindrücke, die lange nachwirken.

1936 – Im Sommer beginnt der Aufbau der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Das Gelände wird großzügig erschlossen: mit rund 79 Kilometern Gleisanlagen, drei Häfen und einem dichten Straßennetz. Zwischen 1937 und 1940 fließen etwa 550 Millionen Reichsmark in das Projekt – für die damalige Zeit eine gewaltige Summe. Für den Bau werden rund 70 Prozent der alten Fischerhäuser des Dorfes Peenemünde abgerissen.

1937 – Im Mai verlegt das Heer die ersten 90 Mitarbeiter von Kummersdorf nach Peenemünde in das neu errichtete „Werk Ost. Hier arbeitet unter anderem Wernher von Braun an der Entwicklung von Flüssigkeitsraketen.

1938 – Die Luftwaffe zieht in das „Werk West“ ein, wo unter anderem an der V1 (dem „Fieseler Fi 103, einer Marschflugkörper-Bombe) gearbeitet wird. Das „Werk Süd“ wird als Produktionsstätte mit den großen Fertigungshallen aufgebaut.

1942 – Am 3. Oktober gelingt erstmals ein erfolgreicher Start der A4-Rakete (V2), die eine Höhe von rund 85 Kilometern erreicht und damit als erstes von Menschen gebautes Objekt den Rand des Weltraums streift – eine technische Sensation, die jedoch von Anfang an militärischen Zwecken diente.

17./18. August 1943 – Die Royal Air Force fliegt die „Operation Hydra, einen schweren Bombenangriff auf Peenemünde. Ziel ist unter anderem die gezielte Tötung der dort arbeitenden Wissenschaftler in ihren Wohnquartieren. Der Bombenteppich trifft jedoch überwiegend die Wohnsiedlung Karlshagen und das Gemeinschaftslager Trassenheide – also vor allem Zivilbevölkerung und Zwangsarbeiter.

Ab Herbst 1943 – Als Reaktion auf den Luftangriff wird die Serienproduktion der V2 in die unterirdische Anlage Mittelbau-Dora bei Nordhausen im Harz verlegt, um sie vor weiteren Bombardierungen zu schützen.

1944 – Ab Juni werden V1 gegen London und andere Ziele eingesetzt, ab September folgt die V2. Über 6.000 Menschen sterben in der Folge der V2-Angriffe auf England, Frankreich, Belgien und die Niederlande.

8. Februar 1945 – Dem sowjetischen Kriegsgefangenen Michail Dewjatajew gelingt mit neun weiteren Häftlingen die spektakuläre Flucht aus Peenemünde in einem erbeuteten deutschen Flugzeug.

21. Februar 1945 – Der Startbetrieb in Peenemünde wird eingestellt. Insgesamt wurden hier und auf der nahegelegenen Insel Greifswalder Oie 282 A4-Raketen zu Testzwecken gestartet.

So beeindruckend die technische Leistung von Peenemünde aus heutiger Sicht erscheinen mag – sie wurde erkauft mit dem Leid Tausender Menschen. Für den Bau und Betrieb der Anlagen wurden von Beginn an ausländische Zwangsarbeiter, sogenannte „Fremdarbeiter“ sowie KZ-Häftlinge eingesetzt.

1941 zunächst als Unterkunft für Facharbeiter des Versuchsserienwerks errichtet, diente es bald der Unterbringung ganz unterschiedlicher Arbeitskräfte – dienstverpflichteter deutscher Arbeiter, „Fremdarbeiter“ aus Italien, den Niederlanden und Tschechien sowie Zwangsarbeiter aus Osteuropa, vor allem aus Polen und der Ukraine. Das Lager wuchs in mehreren Ausbauphasen auf 42 Baracken für rund 4.000 Menschen.

In Peenemünde bestanden zudem zwei Außenlager des Männerlagers Ravensbrück – das Außenlager Karlshagen I (Luftwaffe, Mai 1943 bis Februar 1945) mit durchschnittlich rund 1.200 Häftlingen, sowie das kürzer bestehende Außenlager Karlshagen II (Heeresversuchsanstalt, Juni bis Oktober 1943) mit 600 bis 650 Häftlingen. Die Lager lagen dabei auffallend nah an den attraktiven Wohnsiedlungen, in denen die Ingenieure und Wissenschaftler mit ihren Familien lebten – ein Nebeneinander von Privileg und Elend, das bis heute erschüttert.

Das eigentliche Ausmaß der Zwangsarbeit zeigt sich jedoch erst mit der Verlegung der Serienproduktion nach Mittelbau-Dora ab Herbst 1943. Dort wurden die V2-Raketen unter extremen Bedingungen in unterirdischen Stollen gefertigt. Historiker gehen davon aus, dass insgesamt mindestens 40.000 Zwangsarbeiter an der Produktion beteiligt waren, von denen schätzungsweise 15.000 bis 20.000 an den unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen starben – an Hunger, Krankheit, Erschöpfung und Gewalt. Insgesamt geht man davon aus, dass rund 15.000 Menschen im Zusammenhang mit der Herstellung der A4/V2 in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Diese Zahl übersteigt die Zahl der Todesopfer, die durch den Einsatz der Waffe selbst in England, Frankreich, Belgien und den Niederlanden zu beklagen waren, um ein Vielfaches.

Lange Zeit wurde die Geschichte Peenemündes vor allem als technikhistorische Pioniergeschichte erzählt – mit Wernher von Braun als schillernder Figur, die nach dem Krieg in den USA maßgeblich am Raumfahrtprogramm mitwirkte. Die Opferperspektive, die Namen und Schicksale der Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge, wurde dabei über Jahrzehnte kaum berücksichtigt. Erst seit einigen Jahren rückt die Forschung – und mit ihr auch das Historisch-Technische Museum vor Ort – diese verdrängte Seite der Geschichte stärker in den Mittelpunkt.

Wer heute durch Peenemünde geht, kann sich der Ambivalenz dieses Ortes kaum entziehen. Die imposante Industriearchitektur und die faszinierende Technikgeschichte stehen in scharfem Kontrast zu den stillen Spuren des Leids, die überall zu finden sind, wenn man genau hinsieht. Peenemünde ist damit auch ein Mahnmal dafür, wie technischer Fortschritt und menschenverachtende Gewalt untrennbar miteinander verwoben sein können – eine Lektion, die auch heute nichts an Aktualität verloren hat.

Autor: Markus Hofmann / VÖ: Tabula Rasa Magazin
Fotos: Markus Hofmann

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